Die Latemar Ronda für Fortgeschrittene

Fluffig und unverwüstbar: so entsteht der Pistenschnee in Carezza

18.02.2020 Kommentare (0) Winter

Kann man klimaneutral Ski fahren? Ein Lehrstück aus Carezza

Als erstes italienisches Skigebiet ist das Skigebiet Carezza dem Klimaneutralitätsbündnis beigetreten und möchte innerhalb von drei Jahren klimaneutral werden. Welchen Einfluss diese ökologische Ausrichtung aufs Skifahren unterhalb des imposanten Rosengartens in Südtirol hat und welche Bemühungen möglich und nötig sind, haben wir vor Ort – natürlich beim Skifahren 😉 – untersucht.

Die schönsten Tage des Jahres mit einem schlechten Gewissen antreten? Wegen des ökologischen Fußabdrucks? Dass das Skifahren jetzt nicht gerade die nachhaltigste Freizeitbeschäftigung ist, war mir schon länger klar. Gerade in Zeiten der Diskussionen um die allerorten notwendige künstliche Beschneiung mit ihrem hohen Energiebedarf scheint offensichtlich, dass der Skispaß nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch der Umwelt ganz schön was kostet. Und dann erreichte mich die Info, dass das mir wohlbekannte Skigebiet Carezza in Südtirol, hoch über Bozen, dem Klimaneutralitätsbündnis 2025 beigetreten ist und innerhalb von maximal drei Jahren klimaneutral werden will.

Hui, das muss mir jetzt aber mal einer erklären! Florian Eisath tut’s. Der ehemalige Skirennläufer ist Geschäftsführer des Skigebiets Carezza. Sein Vater hatte das Skigebiet mit den herrlichen Pisten unterhalb des Rosengartens vor einigen Jahren aus dem Dornröschenschlaf geholt und modernisierte nach und nach die Anlagen, die teils schon ein bisschen in die Jahre gekommen waren. Das Skigebiet ist in Familienbesitz, und so ist auch die nachhaltige Ausrichtung des Betriebs eine Familiensache: „Ich denke schon auch an meinen Sohn, wenn wir über neue Anlagen sprechen. Ich will später mal sagen können, wir haben das Skigebiet mit Maß und Ziel und großer Rücksicht auf unsere Umwelt entwickelt“. Aktuell fährt der vierjährige Filius am Tellerlift und macht die erste Bekanntschaft mit dem weißen Element, das seinem Papa ein Jahrzehnt lang als Skirennläufer das täglich Brot bescherte.

„Unnötiger Energieverbrauch, das ist das Schlimmste!“, sagt Florian Eisath – und er wird schnell konkret: „Eine Pistenraupe fährt entweder zweimal, viermal oder sechsmal auf der Piste – aber nicht so, dass eine Leerfahrt entsteht!“ Mit einem GPS-gestützten Pistengeräteinsatz, einer Überarbeitung der Routen und der Sensibilisierung der Fahrer für den Energiebedarf gelang es bereits, knapp ein Drittel der Treibstoffkosten zu sparen. Und die Beschneiung funktioniert heute mit nur noch 75 Prozent des Stroms von dereinst. Florian Eisaths Vater Georg ist Gründer der Firma Techno Alpin (die mit den gelben Schneekanonen…) und hatte bereits eine wegweisende, voll elektronische Beschneiungsanlage realisiert. Das System läuft vollautomatisch und ist intelligent (und produziert übrigens bestens befahrbaren Traumkunstschnee, wie ihr hier nachlesen könnt!) und weiß ganz genau, wo wieviel Schnee benötigt wird. 80 Stunden bei minus 10 Grad – das ist das ideale Kältefenster, um im November soviel Kunstschnee zu produzieren, dass er während des gesamten Winters als Unterlage reicht. Danach wird noch einmal nachbeschneit – und ab Weihnachten laufen die Schneerzeuger nur noch an besonders neuralgischen Stellen. Über Jahre hinweg haben die Techniker akribisch alle Verbrauchsdaten ausgewertet und wissen heute genau, welche Kanone und welche Lanze wieviel Kubikmeter Schnee zu welcher Zeit produziert hat und auch in der aktuellen Saison produzieren sollte. „Alleine auf unser Gefühl verlassen wir uns da schon lange nicht mehr!“, so Georg Eisath, der einer der Kunstschnee-Pioniere Europas ist.

Doch Energiesparen und clevere Schneeproduktion machen noch kein neutrales Klima. Es wird gemessen, reduziert und kompensiert. „Ohne die Kompensationszahlungen schaffen wir die Klimaneutralität leider nicht“. Also werden neben den eigenen Maßnahmen auch fremde Maßnahmen über die Zahlungen unterstützt. Dass dabei die richtigen Klimaprojekte unterstützt werden, darüber wacht Elisabeth Präauer vom Terra Institute, die Ansprechpartnerin für das Klimaneutralitätsbündnis 2025 in Südtirol. Nach dem ersten Schritt, der Offenlegung der Daten zur Klimawirkung geht es beim Bündnis darum, je Jahr jeweils ein Zwölftel des CO2-Ausstoßes (genauer gesagt geht es dabei um den CO2e-Ausstoß, der auch weitere schädliche Treibhausgase mit einbezieht) zu reduzieren und nach zwölf Jahren klimaneutral zu sein. „Carezza Dolomites hat als Ziel, spätestens im Jahr 2022 klimaneutral zu sein“, sagt aber Florian Eisath.

Die eigenen Bemühungen der Skigebiets-Verantwortlichen umfassen übrigens auch die Gespräche mit den Betreibern der Skihütten, Restaurants und Hotels im und am Skigebiet: „Das ist ein groß angelegtes Nachhaltigkeitsprojekt, bei dem es nicht nur darum geht, Plastik, Dosen und unnötigen Müll zu vermeiden“, sondern auch wirklich nachhaltig zu denken – egal ob es um den Stromverbrauch, Einkauf oder die Lebensmittel, die idealerweise regionalen Produktkreisläufen entstammen sollen, geht. „Wir stehen da an vielen Stellen erst am Anfang, stoßen aber auf eine absolut positive Resonanz“, sagt Eisath. „Wenn wir alles richtig machen, schaffen wir es, dem globalen Klima und der Eggentaler Natur gleichzeitig Gutes zu tun!“

…und jetzt sind wir also bei der Frage, ob man klimaneutral skifahren kann. Und da kommt ein Smiley in die Geschichte, weil so ganz ist es halt doch nicht möglich. Natürlich wären die Pisten naturbelassener, wenn die Pisten nicht künstlich beschneit würden (auch wenn der Wasserkreislauf intakt bleibt, weil das Wasser nur im anderen Aggregatszustand gespeichert wird, aber anders als bei der Bewässerung nicht verloren geht). Natürlich würde es keinen Strom brauchen, wenn es keine Lifte gäbe. Aber es tut gut zu wissen, dass das Skigebiet des Vertrauens das Möglichste tut, um die Auswirkungen des Betriebs so gering wie möglich zu halten. 🙂 Und zum Schluss die Frage aller Fragen, wenn es ums klimaneutrale Skifahren geht: Habt ihr schon mal überlegt, mit dem Zug und den Öffis in den Skiurlaub zu fahren? Nur etwa 3-4 Prozent der Skiurlauber tun das – und dabei entsteht bei der Autofahrt zum Ski-Ort das meiste CO2 – und wesentlich mehr als das die elektrisch betriebenen Skilifte jemals „schaffen“ würden. Womit wir wieder beim Kompensieren wären: Wenn ihr ein nachhaltig reines Gewissen haben wollt, solltet ihr Zugfahren oder Ausgleichszahlungen leisten, zum beispiel bei myclimate!

 

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